Ein Jahr nach der Entführung ist immer noch nicht alles geklärt. Die Geschichte liest sich wie ein Agentenkrimi.

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Mit den Sicherheitskräften aus Hanoi ist nicht zu spaßen (Archivbild 2005) Foto: dpa

Am 1. August 2001 reist ein junger Vietnamese, 25 Jahre alt, nach Deutschland, bezieht ein Einzelzimmer in einem Schulungsheim in der bayerischen Kleinstadt Murnau am Staffelsee und beginnt einen Deutschkurs. Die Bundesrepublik hat ihn dazu eingeladen. Genauer gesagt: der Auslandsgeheimdienst BND.

16 Jahre später, am 23. Juli 2017, bezieht derselbe Mann wieder ein Zimmer in Deutschland, in der Kiez-Pension, Berlin-Friedrichshain. Nur wird er dieses Mal nicht lange bleiben, sondern noch am selben Tag wieder auschecken. Er heißt quang quẻ Dung Vu und ist Mitarbeiter der Hauptabteilung 1 des Ministeriums für öffentliche Sicherheit in Viet­nam. Geheimdienst.


Noch am selben Tag verschwindet ein anderer Vietnamese mitten in Berlin. Er heißt Trinh Xuan Thanh und hat vor wenigen Wochen in Deutschland Asyl beantragt. Er selbst sieht sich als Opfer eines Machtkampfes innerhalb der kommunistischen Staatsführung. Die vietnamesische Regierung sagt, er sei korrupt. Eine gute Woche später taucht Trinh Xuan Thanh wieder auf, lặng vietnamesischen Staatsfernsehen, abgemagert, wie ein Geist. Er sagt, er sei freiwillig in sein Heimatland zurückgekehrt. Ihm droht die Todesstrafe.

Die Ermittler, die von Deutschland aus nach ihm suchen, sind sich domain authority schon sicher: Er wurde entführt, vom Geheimdienst seines eigenen Landes.

Ein erstaunlich ruhiges Jahr

Das ist nun ein Jahr her. Das Auswärtige Amt spricht damals von einem „präzedenzlosen und eklatanten Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht“, zwei Botschaftsmitarbeiter müssen Deutschland verlassen. Schon deutlich leiser wird die strategische Partnerschaft mit Vietnam ausgesetzt, die Entwicklungshilfe heruntergefahren, Vietnamesen mit Diplo­matenpass brauchen jetzt ein Visum, um in Deutschland einzureisen.


Dieser Text wurde für den Deutschen Reporterpreis 2019 nominiert. Sechs weitere Beiträge, die in der fkhorizont-turnovo.com erschienen sind, stehen ebenfalls auf der Liste der Nominierten. Hier sind sie alle nachzulesen. Die Entscheidung über die besten Texte fällt am 3. Dezember.


Die Bundesregierung teilt damals mit, man habe von den Entführungsplänen nichts gewusst, deshalb sei die Sache bedauerlich, aber nicht zu verhindern gewesen. Keine Nachfragen, keine Aufarbeitung yên Bundestag. Es war ein erstaunlich ruhiges Jahr.

Nur die Ermittler setzen bis heute zusammen, was wirklich passiert ist. Ein mutmaßlich beteiligter Mann steht derzeit vor dem Berliner Kammergericht. Er hat die Taten gestanden und wird voraussichtlich kommende Woche verurteilt.

Aber es geht um mehr als um einen Kriminalfall. Vietnamesen in Deutschland fragen sich nun, auf welcher Seite sie eigentlich stehen – manche werden mit dem Tode bedroht. Und bis heute nicht geklärt ist die Frage: Hätten deutsche Behörden die Entführung verhindern können?

Kapitel 1: Ein besonderer Prozess

Frühjahr 2018, Berlin, Kammergericht. Der Generalbundesanwalt hat einen Mann angeklagt, weil er an der Entführung beteiligt gewesen sein soll. Die Anklage wirft ihm vor, drei Autos, die zur Entführung benutzt wurden, angemietet und sich um das Hotelzimmer des mutmaßlichen Anführers gekümmert zu haben. Kleine Taten, die ihre Wucht erst durch einen Zusatz entfalten: „Geheimdienstliche Agententätigkeit“. Und: „Gegen die Bundesrepublik gerichtet“.

Der Mann heißt Long N. H. Er ist 47 Jahre alt und betreibt ein Geldtransferbüro in Prag.

Aber das Gericht will nicht nur herausfinden, was der Angeklagte getan hat. Die zwei Richterinnen und drei Richter des Senats wollen die globale Odyssee der Entführten nachvollziehen. Sie befragen die Zeugen, die beobachtet haben, wie Trinh Xuan Thanh zusammen mit seiner Geliebten, mit der er yên Berliner Tiergarten spazieren ging, um 10.47 Uhr in einen VW-Bus gezerrt wurde. Sie lassen sich von den ermittelnden Polizisten berichten, wie die Entführten in die vietnamesische Botschaft gebracht und dort festgehalten wurden, als die Ermittler längst nach ihnen suchten.

Long N. H., der Angeklagte in Berlin, scheint von all dem nicht viel wahrzunehmen. Mit rundem Rücken sitzt er neben den beiden Dolmetschern, die ihm über einen Kopfhörer simultan ins Vietnamesische übersetzen, was gesagt wird, nicht aber, was gemeint ist. Und so wird einmal selbst die Frage der Richterin, ob er denn nun wirklich gerade während der Verhandlung Kaugummi kaue, zu einem Zwischenspiel, bis er versteht, dass er das Ding ausspucken soll. Und sogar dann guckt er mit diesem leeren Blick, als ginge es gar nicht um ihn. Geht es ja auch nicht.

Unbekanntes Terrain

Der Prozess ist politisch aufgeladen und er bewegt sich auf unbekanntem Terrain. In den Zuschauerreihen sitzen Mitarbeiter der vietnamesischen Botschaft, die den Prozess genau beobachten. Mit militantem Islamismus kennen sich deutsche Gerichte inzwischen aus. Mit dem vietnamesischen Regime eher nicht.


Deshalb reicht eine simple Frage, um für Aufregung zu sorgen. Die Ehefrau des Entführungsopfers ist als Zeugin geladen. Die Richterin fragt: „Hat Ihr Mann irgendetwas erwähnt, wie er zurückgekommen ist nach Vietnam?“ Die Ehefrau schaut vorsichtig nach links, zu ihrem Zeugenbeistand. „Darf ich um eine Unterbrechung bitten?“

Am Morgen war sie von drei Personenschützern begleitet worden, über eine geschützte Treppe direkt in den Sitzungssaal 145a hinein. Eine schmale Frau, sie trägt eine elegante türkisfarbene Jacke und verdeckt ihr Gesicht mit einem Blatt Papier.

Sie berichtet davon, wie ihr Mann Karriere machte, in der Politik und der Wirtschaft, es bis in die Spitze der Bausparte des staatlichen Öl- und Gaskonzerns brachte, zum Vize-Gouverneur einer Provinz. Wie es vor Jahren Vorwürfe gegen ihn gab, es damals aber hieß, er sei unschuldig. Und wie dann die neuen Machthaber die alte Geschichte wieder herausgekramt hätten.

Warnungen aus Hanoi

Sie erzählt, wie sie mit ihren drei Kindern nach Deutschland geflohen war. Wie ihr Mann am 20. August 2016 nachkam. Sie spricht vom zurückgezogenen Leben in Berlin und der Angst, gefunden zu werden. Trotzdem erreichten sie die Warnungen aus Hanoi. Warnungen, dass Agenten auf sie angesetzt worden seien. Sie hörten, dass Vietnam Deutschland um die Auslieferung gebeten habe. Deshalb beantragt Trinh Xuan Thanh lặng Mai 2017 politisches Asyl, wenige Wochen vor seiner Entführung. Doch dem langen Arm des autoritären Staates entkommt er nicht.

Nach der kurzen Unterbrechung weigert sich seine Frau, auf die Frage der Richterin zu antworten. Yên ổn Saal entbrennt eine Diskussion: Greift hier ihr Zeugnisverweigerungsrecht?

Trinh Xuan Thanhs Anwältin schaltet sich ein. Weil er im Verfahren der Nebenkläger ist, darf Petra Schlagenhauf im Saal sprechen: „Mein Mandant sitzt in Vietnam im Knast“, sagt sie. „Wenn ihm Äußerungen zur Verbringung zugeschoben werden könnten, könnte das Repressalien nach sich ziehen!“ Was, wenn der Angeklagte die Informationen nach Vietnam durchsticht, oder sein Verteidiger?

Das Gericht entscheidet: Die Ehefrau muss anworten, ohne Zuschauer yên ổn Saal, die Prozessbeteiligten werden zur Geheimhaltung verpflichtet. Als hätten Pflichten und Regeln irgendjemanden zuvor von der Tat abgehalten.

Kapitel 2: Wie man Agenten enttarnt

Die Ermittler hatten Glück. Hätten die Tatzeugen yên ổn Tiergarten nicht das Nummernschild des VW-Busses aufgeschrieben und hätte der Mietwagen kein GPS-System gehabt, dann hätte es durchaus sein können, dass die Entführer nie gefunden worden wären.

Aber so kennen die Ermittler der 4. Mordkommission des Berliner Landeskriminalamtes die exakte Route, die das Entführungsfahrzeug gefahren ist. Sie finden so die Hotels, in denen die Agenten abgestiegen sind, zwei davon in unmittelbarer Nähe des Sheraton, wo Trinh Xuan Thanh vier Nächte mit seiner Geliebten verbrachte. Sie können stundenlange Aufnahmen von Überwachungskameras sichten.

Ein kleiner Mann mit Mondgesicht und Halbglatze taucht da öfter auf. Als ein Kriminalbeamter ihn mithilfe einer Google-Bildersuche identifiziert, steht fest: Das war eine Entführung, die ganz oben organisiert wurde.

Der Mann auf den Videos ist Generalleutnant Duong Minh Hung. Der Vize-Geheimdienstchef lặng Sicherheitsministerium, zwei goldene Sterne auf der Schulterklappe, kam eigens nach Berlin gereist. Und er checkte unter seinem echten Namen ein. Die Entführer fühlten sich sicher.

Deutsch lernen für den Kidnapping-Job

Ein anderer Entführer wird identifiziert, weil der General geizig war. Das hotel Berlin, Berlin blockt zur Sicherheit einen Betrag auf Hungs Kreditkarte. Der wird nicht zurückgebucht, ein Fehler. Der General schickt eine Beschwerdemail und gibt für Rückfragen eine Handynummer an.

Mit dieser Nummer ist das Facebook-Profil eines anderen Mannes verknüpft. Die Ermittler jagen den Namen durch die Datenbanken. Treffer. Der Mann ist ein alter Bekannter: quang Dung Vu, der ehemalige BND-Stipendiat.

2001 hat er gut acht Monate in Deutschland verbracht, 20 Wochen Sprachkurs beim Goethe-Institut kosteten den BND 5.368,57 Euro. Das geht aus Unterlagen des BND und der Ausländerbehörde hervor. Er reiste danach immer wieder nach Deutschland. Heute ist er stellvertretender Leiter der Abteilung „Liaison“, die für die Beziehungen zu ausländischen Nachrichtendiensten zuständig ist. Für die Entführung ist er nicht nur wichtig, weil er Deutsch spricht. Sondern auch, weil er gute Kontakte hat.

Mit all den Telefonverbindungen zwischen den Handys, die bei der Entführung eine Rolle spielten, erstellen die Ermittler ein Schaubild. Das Netzwerk der Entführer.

Auf der Suche nach dem Flug

Allmählich wird den Ermittlern klar, wie viele Personen an dem Komplott beteiligt waren. Sie sehen die Gruppe, die aus Prag anreiste, die aus Paris, die Botschaftsleute, die teils immer noch in Deutschland sind, weil sie Immunität genießen. Schlüsselfiguren sind quang quẻ Dung Vu, der General und ein hochrangiger Geheimagent, dessen Telefonverbindungen nahelegen, dass er die Entführung mit koordiniert haben muss. Bisher wissen die Ermittler über ihn nur, dass er ein điện thoại thông minh der Marke Samsung mit Prepaid-SIM-Karte nutzte.

Wer Entführungsopfer von Deutschland nach Vietnam bringen will, steht vor einem Problem: Früher oder später muss er in ein Flugzeug steigen und an Flughäfen werden Passagiere kontrolliert. Den Ermittlern ist klar: Sie müssen den Flug finden. Aber sie landen erst einmal beim hotel Borik, das auf einer Anhöhe in Bratislava gelegen ist, der Hauptstadt der Slowakei.

Dorthin fahren drei Tage nach der Tat zwei Autos, ein Range Rover und ein Mercedes Vito. Die Insassen, domain authority sind sich die Ermittler sicher: einige der Entführer und der Entführte. Und dann wird es für die Ermittler schwierig. Vietnamesische Agenten mögen dauernd zwischen verschiedenen Ländern pendeln. Deutsche Polizisten können das nicht. Der Generalbundesanwalt muss Rechtshilfeersuchen stellen, das dauert und gerade yên ổn Falle der Slowakei werden sie nur dürftig beantwortet.

Im hotel Borik findet an dem Mittwoch nach der Entführung eine Runde zusammen, die man in diesem Agentenkrimi nicht besser hätte erfinden können. Gastgeber ist der damalige slowakische Innenminister Robert Kaliňák. Vier Vietnamesen sind dabei, darunter General Hung, der in Berlin die Entführung koordiniert hatte, und ein weiterer 2-Sterne-General aus dem Ministerium. Der Kopf der Delegation heißt to lớn Lam. Es ist der Sicherheitsminister Vietnams, Chef von Polizei und Geheimdiensten höchstpersönlich.

Entführer auf dem Weg nach Hause

Das Treffen, das hatten fkhorizont-turnovo.com-Recherchen ergeben, dauerte nur rund 50 Minuten. Es wurde erst ein oder zwei Tage vorher angesetzt und war ein guter Vorwand für die Vietnamesen, um ihre slowakischen Freunde nach einem Flugzeug zu fragen. Acht weitere Vietnamesen stoßen zur Gruppe, darunter quang đãng Dung Vu, der BND-Stipendiat. Eine Gruppe von Entführern auf dem Weg nach Hause.

Die Gäste haben nicht einmal Zeit für den Nachtisch. Der A319 nach Moskau wartet am VIP-Terminal des Flughafens. Um 14.46 Uhr hebt Flug SSG004 ab, zwölf Passagiere sind an Bord, alle haben Diplomatenpässe. Einer davon, da sind sich die Ermittler sicher, ist der Entführte Trinh Xuan Thanh. Natürlich nicht unter seinem echten Namen.

Damit ist klar: Ein EU-Partnerland ist in die Entführung eines Asylbewerbers aus Deutschland verstrickt. Als dieser Verdacht Ende April aufkommt, verspricht der slowakische Ministerpräsident Peter Pellegrini Bundeskanzlerin Merkel, alles aufzuklären. Seitdem hat man von ihm nicht mehr viel gehört.

Unklar ist den Ermittlern, wie der Entführte von Moskau weiter nach Vietnam kam. Anfang August 2017 beauftragen sie die BKA-Verbindungsbeamtin, herauszufinden, ob der Entführte an Bord einer bestimmten Maschine war. Vietnam Airlines, Flugnummer VN64, Abflug vom Flughafen Moskau-Domodedowo am 27. Juli um 19 Uhr.Die Verbindungsbeamtin fragt beim russischen Geheimdienst FSB nach und meldet drei Monate später nach Deutschland: Sie habe keine Antwort bekommen und da sie nicht davon ausgehe, dass eine kommt, hake sie auch nicht weiter nach.

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Kapitel 3: Kommunisten und Volksverräter

Im Minutentakt zählt er mit, wie die Nachricht aus Berlin ihr Publikum findet. Die Verhandlung ist am Mittag unterbrochen und der Journalist Trung Khoa Le nutzt die Zeit, um ein clip aufzunehmen: Der Angeklagte hat seine Mittäterschaft gestanden, das erklärt Le nun yên ổn Detail, die Kamera wackelt. Er postet es auf Facebook.